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Braune Tierfreundin

8. Mai 2012

Kassel – Kinderschutz und Tierschutz stehen in der rechtsextremen Propaganda hoch im Kurs: Mit ihrem vermeintlichen Einsatz für die niedlichen Kleinen wollen Neonazis bei der Bevölkerungsmehrheit punkten. Auch Sandra S. aus Kassel forderte im Internet schonungslose Härte gegen alle, die Kindern oder Tieren etwas antun. Unter ihrem Pseudonym „Sandy Kz“ hat sich die 40-jährige, die zum Umfeld der braunen Kameradschaft „Sturm 18 Zählt“, einschlägigen Wer-kennt-wen Gruppen angeschlossen. „Kinderschänder an die Wand“ zum Beispiel oder „Tierquäler sollen leiden“ – geschrieben in Großbuchstaben und mit fünf Ausrufezeichen.

Die Aufrufe zur Lynchjustiz müssten sich konsequenterweise allerdings auch gegen Sandra S. selbst richten: Wie erst jetzt bekannt wurde, brachen Polizei und Feuerwehr Ende April die Wohnung der 40-jährigen in der Kasseler Nordstadt auf, weil sich Nachbarn über beißenden Gestank beschwert hatten. Im verwahrlosten Heim der Rechtsextremen fanden die Beamten die Kadaver von vier Hunden und drei Katzen.

„Dem Szenario nach muss man davon ausgehen, dass die Tiere verhungert oder verdurstet sind“, sagt Polizeisprecher Wolfgang Jungnitsch. Mindestens drei Wochen lang soll die Frau die Vierbeiner allein in der Wohnung gelassen haben. Es wird wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz ermittelt. Drohende Strafe: bis zu drei Jahren Gefängnis.

Der Justiz und der Öffentlichkeit ist die Frau freilich bereits aus einem weit schrecklicherem Grund bekannt: Im Januar 2005 starb ihr einjähriger Sohn Marcel – brutal erschlagen von seinem Vater und vernachlässigt von seiner Mutter. Die Tat, die der traurige Höhepunkt einer Serie schwerer Misshandlungen des Babys gewesen war, hatte bundesweit für Entsetzen gesorgt. Doch während ihr Lebensgefährte als Totschläger zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde, kam Sandra S. mit einer Bewährungsstrafe wegen fahrlässiger Tötung davon.

Neue Freunde

Gleichwohl macht sie sich heute die bei Rechtsextremen beliebte Parole „Todesstrafe für Kinderschänder“ zu eigen. Und in der Kameradschaft „Sturm 18“ fand sie trotz ihrer Vergangenheit neue Freunde. Sie schloss sich einer Unterstützergruppe für Strafgefangene an, die sich unter dem Motto „Treue, Ehre & Kameradschaft“ im Dunstkreis der für ihre Gewaltbereitschaft berüchtigten Neonazi-Gruppierung gründete.

Nicht nur Kameradschaftschef Bernd T. sitzt seit Monaten in Strafhaft. Auch sein möglicher Nachfolger Dirk W., Dauergast in der Wohnung der 40-Jährigen, wartet derzeit hinter Gittern auf seinen Prozess. Neben mehreren Einbruchsdiebstählen in – da ist sie wieder die angebliche Kinderliebe – Kindergärten werden dem früheren Aktivisten der verbotenen Neonazi-Partei FAP zwei Gewalttaten zur Last gelegt.

Im Juli 2011 soll der 40-Jährige vor dem Kasseler Kulturbahnhof einen Obdachlosen mehrfach ins Gesicht getreten, Ende September eine Nachbarin von Sandra S. attackiert haben. Möglicherweise deshalb, weil „Sandy Kz“ mit der jungen Frau noch eine Rechnung offen hatte: Die 23-jährige hatte einmal einen handfesten Streit zwischen der rechten Möchtegern-Tierfreundin und einer anderen Hundebesitzerin beobachtet – und im anschließenden Verfahren gegen Sandra S. ausgesagt.

(Carsten Meyer, Joachim F. Tornau; Frankfurter Rundschau von 08. Mai 2012)

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