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Vier Jahre Haft für Neonazi

18. Juli 2012

Angebliche Borderline-Störung: Dirk W. droht mit „Kontrollverlust“. Hier: auf der rechtsextremen Demonstration in Dortmund, September 2011

Kassel – Der Aktivist der Kasseler Kameradschaft „Sturm 18“, Dirk W. ist vor dem Kasseler Amtsgericht zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt worden. Damit sitzt inzwischen die zweite Führungsperson aus der hiesigen Schlägertruppe hinter Gittern und weitere könnten folgen. Wir dokumentieren einen Bericht der Frankfurter Rundschau über den Prozess:

 Vier Jahre Haft für Neonazi

„Sturm 18“-Aktivist griff Obdachlosen an / Kameradschaft drohen weitere Verfahren

Stolz hatte die junge Frau im Publikum ihre Jacke ausgezogen. Hatte den Rücken entblößt, um den riesigen Reichsadler zu zeigen, den sie sich von Schulterblatt zu Schulterblatt hat tätowieren lassen. Ein deutscher Gruß an den Mann auf der Anklagebank. An Dirk W., 41 Jahre alt und Aktivist der Neonazi-Kameradschaft „Sturm 18“, der sich am Dienstag vor dem Kasseler Amtsgericht verantworten musste. Vor allem wegen einer brutalen Attacke auf einen Obdachlosen.

Das nationalsozialistische Wappentier dient auch „Sturm 18“, der berüchtigten braunen Schläger- und Trinkerriege, der Dirk W. angehört, als Logo. Eine rechtsextreme Gefangenenhilfsorganisation hat ihn in der Untersuchungshaft unterstützt, im Internet finden sich Spendenaufrufe für den „einsitzenden Kameraden“. Doch als der 41-Jährige schließlich nach knapp zweistündiger Verhandlung zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde, war seine Gesinnung nur ein einziges Mal zur Sprache gekommen. Und das in der Vergangenheitsform.

Bei einer seiner vielen Vorstrafen – es ging um einen Überfall auf einen Punk im Jahr 2006 – war beiläufig erwähnt worden, dass Dirk W. irgendwann früher einmal rechtsextrem gewesen sei. In der Gegenwart interessierte Gericht und Staatsanwaltschaft lediglich, dass der 41-Jährige gestand.

Täter beruft sich auf „Borderline-Störung mit Kontrollverlusten“

Und das tat der ehemalige Aktivist der verbotenen Neonazi-Partei FAP, der 2011 aus dem Rheinland nach Kassel gekommen war und sich der Kameradschaft „Sturm 18“ angeschlossen hatte, mit einer ganz speziellen Erklärung: „Ich habe eine Borderline-Störung mit Kontrollverlusten.“

Deshalb habe er, auch wenn er sich an nichts mehr erinnern könne, wohl zugeschlagen und zugetreten an jenem Juliabend vor einem Jahr, als seine Kameraden am Kasseler Kulturbahnhof mit einem Obdachlosen Streit angefangen hatten. Laut Anklage soll er dem Mann „mit voller Wucht“ gegen den Kopf getreten haben. Im Ermittlungsverfahren hatten Augenzeugen berichtet, dass Dirk W. ausgeholt habe „wie beim Elfmeterschießen“.

Vor Gericht blieb auch das ungesagt: Zeugen wurden wegen des Geständnisses keine vernommen. Auf die Strafe – das Höchstmaß, das vom Amtsgericht verhängt werden kann hatten sich die Beteiligten gleich zu Beginn einvernehmlich verständigt. Abgeurteilt wurden damit neben der gefährlichen Körperverletzung auch sechs Einbrüche in Kindergärten und eine Grundschule, mit denen Dirk W. in Bonn zeitweilig seinen Lebensunterhalt bestritten hatte. Außerdem floss eine zehnmonatige Bewährungsstrafe, die der 41 Jährige bereits wegen tätlicher Auseinandersetzungen mit seiner Ex-Ehefrau kassiert hatte, in das Urteil mit ein.

Für „Sturm 18“ wird es damit immer enger. Bernd T., der Gründer und Chef der Kameradschaft, verbüßt derzeit schon Gefängnisstrafen von insgesamt 28 Monaten. Zudem steht er in gut einem Monat wegen Verwendens verbotener Nazi-Symbole erneut vor Gericht – die Frankfurter Rundschau hatte berichtet, dass der 37-Jährige auf Fotos im Internet vor einem Hitler-Bild posierte und den Hitler-Gruß zeigte. Und auch seiner Gattin und „Sturm 18“-Kameradin Melanie T. droht der Gang hinter Gitter: Anfang August wird wegen zweier Körperverletzungsdelikte gegen die 24-Jährige verhandelt.

Noch nicht abgeschlossen sind dagegen die Ermittlungen gegen Sandra S.: In der Kasseler Wohnung der 40-Jahrigen, die zumindest zum engsten Umfeld der Kameradschaft gehört und den Prozess gegen Dirk W. als Zuschauerin verfolgte, waren Ende April mehrere Hunde und Katzen kläglich verendet – mutmaßlich verhungert oder verdurstet. Dabei lässt die Frau keine Gelegenheit aus, sich als rechtsextreme Tierschützerin zu präsentieren. Und Lynchjustiz gegen Tierquäler zu fordern.

Joachim F. Tornau

(Quelle: Frankfurter Rundschau vom 18. Juni 2012, Seite D1)

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