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Wieder Prozess gegen „Sturm 18“ Mitglied

3. August 2012

Mit solchen Aufrufen ließ ihr Mann Bernd in der Szene nach Melanie T. fahnden

 

Kassel – Nachdem bereits zwei Mitglieder der Kasseler Kameradschaft „Sturm 18“ für längere Zeit in Haft sind, stand nun ein neuer Prozess an. Diesmal gegen die Ehefrau von Kameradschafts-Chef Bernd T., Melanie. Vor Gericht das altbekannte Bild: Auch Melanie T. will sich distanziert haben, nicht unbedingt von ihrem Gedankengut, so zumindest von ihrem Mann. Wir dokumentieren einen Artikel aus der Frankfurter Rundschau vom 3. August 2012:

 

Auf Kommando zugeschlagen

Ihr Ehemann, der Kasseler Neonazi Bernd T., sitzt bereits im Gefängnis. Jetzt steht auch seine Ehefrau Melanie T. wegen mehrfacher Körperverletzung vor Gericht. Ihr drohen 21 Monate Haft. Das Denken geht langsam bei Melanie T., man kann ihr dabei zusehen. Immer wieder vergehen viele Sekunden, angefüllt mit Stirnrunzeln und Starren, ehe die 23-Jährige selbst einfache Fragen beantwortet: „Haben Sie auch getreten?“ Pausepausepause. „Ja.“

Melanie T. ist die Ehefrau des Kasseler Neonazis Bernd T., des Gründers und Chefs der für ihre Gewaltbereitschaft berüchtigten Kameradschaft „Sturm 18“. Seit dem vergangenen Herbst sitzt der 37-Jährige in Haft. Gestern nun wurde vor dem Kasseler Amtsgericht darüber verhandelt, ob ihm seine Gattin ins Gefängnis folgen muss: Sie ist angeklagt unter anderem wegen mehrfacher Körperverletzung, eine Bewährungsstrafe von 21 Monaten schwebt bereits über ihr.

Doch die Entscheidung wurde vertagt: Weil alle Beteiligten Zweifel an der Schuldfähigkeit der jungen Frau hatten, soll erst ein psychiatrisches Gutachten eingeholt werden. Und bis das vorliegt, dürften noch etliche Monate ins Land gehen.

Um die Rolle von Alkohol im Leben der 23-Jährigen wird sich der Sachverständige kümmern müssen, aber mehr noch um die Rolle von Bernd T., um Abhängigkeit und Angst. Im September 2011 hat die Angeklagte einen jungen Mann, den sie bis dahin nie gesehen hatte, mitten in der Kasseler Innenstadt vom Fahrrad gezerrt, auf ihn eingeprügelt und schließlich auch zugetreten, mit Springerstiefeln. Und warum? „Bernd hat mich auf ihn gehetzt“, sagt sie. „Er meinte, der hätte ,Sturm 18‘ verraten.“ Sich zu weigern, sagt Melanie T., habe sie sich nicht getraut.

Die Älteren durften den Jüngeren Befehle erteilen

Solche Befehle, bestätigt ein als Zeuge geladener 18-Jähriger, der aus der Kameradschaft ausgestiegen ist, seien üblich gewesen. Die älteren Mitglieder, erkennbar an roten Schnürsenkeln in ihren Stiefeln, hätten die jüngeren herumkommandieren dürfen, die mit den weißen Schnürsenkeln. „Das waren die Azubis, die wurden zum Bierholen benutzt und so.“ Oder auch zum Zuschlagen. Das letzte Wort aber habe immer Bernd T. gehabt. „Und alle haben gespurt.“ Auch seine Ehefrau. „Die hat er noch ein bisschen schlimmer behandelt“, sagt der 18-Jährige. Obwohl sie, wie Fotos zeigen, immerhin auch rote Schnürsenkel tragen durfte.

Vor Gericht nennt die 23-Jährige Bernd T. nun ihren „Ex“: Seit der 37-Jährige im Knast sitzt, will sie sich endlich losgesagt haben. Von ihm, vom Alkohol und von „Sturm 18“. Versucht hat sie das schon mehrfach, doch zum ersten Mal kann der Kameradschaftschef, weil hinter Gittern, sie nicht wie gewohnt zu sich zurückzwingen. Als sie sich 2009, kurz vor der Hochzeit, von ihm getrennt hatte, reagierte Bernd T. mit einer Morddrohung. Als sie sich 2010 vor ihm nach Thüringen flüchtete, mobilisierte der Neonazi via Internet eine Truppe von Gleichgesinnten zur Jagd auf die Abtrünnige und einen möglichen Nebenbuhler.

Und folgsam kehrte Melanie T. immer wieder zurück. Zog wieder mit dem Gatten und seinem braunen Gefolge in Skinhead-Uniform durch die Stadt, soff und – so meint jedenfalls die Staatsanwaltschaft – schlug auch zu. Zwei weitere Attacken, auf ein 15-jähriges Mädchen und einen 29-jährigen Mann aus dem „Sturm 18“-Umfeld, werden ihr zur Last gelegt. Das eine gibt sie zu, das andere bestreitet sie.

Jetzt, beteuert sie, soll mit alledem wirklich Schluss sein. Vor zwei Wochen allerdings, als „Sturm 18“-Kamerad Dirk W. vor dem Kasseler Amtsgericht stand, saß Melanie T. noch im Publikum. Einträchtig bei jenen, mit denen sie gebrochen haben will. Und vor denen sie angeblich Angst hat.

Von Joachim F. Tornau

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