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Neonazi schließt sich den Bandidos an

16. August 2012

Kassel – Bereits im Juni ist ein Artikel in der taz erschienen, der sich mit den Verbindungen zwischen Rockerclubs, wie den Hells Angels oder den Bandidos, und Rechtsextremisten bundesweit befasst. Nun ist in der Frankfurter Rundschau ein Artikel erschienen, der speziell die Situation in Kassel genauer unter die Lupe nimmt. Diesen Artikel wollen wir im Folgenden dokumentieren:

Langjähriger Neonazi schließt sich den Bandidos an

Polizei sieht keinen Schulterschluss von Rockern und Rechtsextremen / Prozess gegen Schläger ausgefallen

Neonazi, Fußballhooligan, Motorradrocker: Michel F. ist erst 27 Jahre alt, doch in der Halbwelt, wo Hass und Gewalt regieren, hat er eine steile Karriere hingelegt. Bereits seit seiner Jugend ist der Kasseler der Polizei als rechtsextremer „Problemfan“ des KSV Hessen Kassel und brutaler Schläger bekannt. Sein Vorstrafenregister ist üppig gefüllt. Und jetzt hat sich der junge Mann mit dem kahl geschorenen Schädel und den einschlägigen Tätowierungen auch noch dem berüchtigten Motorradclub Bandidos angeschlossen.

Suchen also Rocker- und Neonaziszene in Nordhessen den Schulterschluss? Nein, beruhigt die Polizei: „Erkenntnisse hinsichtlich weiterer Überschneidungen zwischen Rechtsextremisten und Personen aus dem Umfeld des Bandidos MC Kassel liegen derzeit nicht vor.“ Es ist jedoch nicht das erste Mal, dass die Kasseler Bandidos mit Rechtsextremismus zu tun haben: Im Jahr 2007 verhinderte die Polizei zwei Neonazi-Konzerte im Clubhaus der Rocker.

Die Bandidos beteuerten damals, die Räume nur vermietet zu haben. „Rechtsradikale“, hieß es, „haben wir bei uns gar nicht.“ Und Michel F.? Den betrachten sie als Aussteiger. Auch der 27-Jährige behauptet das schon seit Jahren – jedenfalls immer dann, wenn er vor Gericht steht. Erst im März war Michel F., als er sich wegen zweier Schlägereien und der Beleidigung eines Taxifahrers als „Scheißausländer“ verantworten musste, mit einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe davon gekommen. Weil er sich ja von der braunen Szene gelöst habe. Das milde Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig: Am Donnerstag hätte eigentlich die Berufungsverhandlung stattfinden sollen, fiel aber wegen Krankheit des Verteidigers kurzfristig aus.

Bei seiner Bewährungshelferin hatte der Jung-Bandido mit seinem angeblichen Abschied von Rechtsaußen großen Eindruck gemacht. Die Freundesliste des 27-Jährigen bei Facebook spricht dagegen eine andere Sprache: Hier steht er nach wie vor in Kontakt mit vielen Neonazis aus der Region. Im Kasseler Chapter der Bandidos ist er gleichwohl schon zum „Probationary“ aufgestiegen, zum Anwärter auf eine Vollmitgliedschaft also. Um so weit zu kommen, muss man üblicherweise eine längere Phase als „Hangaround“ und „Prospect“ hinter sich gebracht haben. Zeit genug für die Rocker, den Neuling auf Herz und Nieren und Gesinnung zu prüfen. Offenbar fanden sie dabei nichts, was sie störte.

Zwar sind Rockerclubs nach außen grundsätzlich um Abgrenzung von Neonazis bemüht: Sie wollen sich nicht noch mehr Ärger mit der Polizei einhandeln, als sie wegen des Verdachts von Rotlicht- oder Drogengeschäften ohnehin schon haben. Ideologische Vorbehalte sucht man dennoch zumeist vergeblich:  Hells Angels wie Bandidos reklamieren für sich, unpolitisch zu sein, erklärte kürzlich die Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken. „Rechtsextreme Tendenzen eindeutig ablehnende Proklamationen lassen sich aber nur in wenigen Einzelfällen feststellen.“

 Joachim F. Tornau und Carsten Meyer

Infobox: Braune Biker

Personelle Überschneidungen zwischen Rockerclubs wie den Hells Angels oder den Bandidos und der Neonaziszene werden bundesweit immer wieder festgestellt.

Prominentestes Beispiel ist Sascha Roßmüller, Vizevorsitzender der NPD in Bayern und Mitglied bei den Bandidos in der Oberpfalz. In Berlin fielen 40 Rocker zwischen 2007 und 2010 mit rechtsextremen Straftaten auf. In Brandenburg schätzt der Verfassungsschutz die Zahl brauner Biker auf rund 25 – von 400 insgesamt.

Die Behörden sehen jedoch keine Hinweise auf eine gezielte Zusammenarbeit zwischen Neonazis und Rockern, sondern sprechen von Einzelfällen. Den Motorradgangs gehe es nicht um Politik, sondern um ihre legalen und illegalen Geschäfte – etwa im Rotlichtmilieu.

(Quelle: Frankfurter Rundschau vom 16.08.2012)

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