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Bewährung für Rentner aus Bad Zwesten

4. Juli 2014

Bad Zwesten / Fritzlar (lokalo24) – Zu zehn Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung und eine Geldstrafe von 1.000 Euro verurteilte das Amtsgereicht Fritzlar am Donnerstag einen Rentner, der Ausländer in übelster Nazi-Manier beschimpfte und diese sogar mit dem Tod bedrohte.

Der 78-Jährigen Erich R. aus Bad Zwesten hatte in Anrufen beim Sekretariat der Gustav-Heinemann-Schule in Borken, junge Türken als „Ratten“ und „fremdvölkisches Ungeziefer“ bezeichnet und damit gedroht, Skinheads mit Baseball-Schlägern vorbei zu schicken. Dem Schulleiter drohte er zudem „ihn vergasen zu lassen“. In einem Leserbrief an die örtliche Tageszeitung äußerte er sich ferner rassistisch-beleidigend über die muslimische Gemeinde in Borken. Die kurdischstämmige Schriftstellerin und Thilo Sarrazin-Kritikerin, Mely Kiyak, schließlich, beschimpfte der bekennende Sarrazin-Fan („ein Genie“) in weiteren Briefen an überregionale Zeitungen als „türkische Drecksschlampe“, bei der es Zeit werde, „dass sich die NSU um sie kümmere“.

Von der Richterin am Fritzlarer Amtsgericht auf die Vorwürfe angesprochen, räumte der Rentner weitgehend ein, die Aussagen getroffen zu haben, bezeichnete sich selbst aber mehrfach als „Opfer“. Türkische Jugendliche hätten ihn in Borken mehrfach belästig, seine Taten sehe er daher als „Notwehr“. Die Jugendlichen direkt anzusprechen habe er sich nicht getraut, da diese ihm nach seiner Einschätzung, sonst „ein Messer in den Rücken gerammt“ hätten.

Im Einzelnen mit seinen Aussagen konfrontiert, sagte Erich R.: „Ich bin erschüttert, was ich gesagt habe.“ Er sei wirklich „durchgedreht“. Jedoch bezog sich diese Aussage offensichtlich auf den von ihm gewählten Stil. Grundsätzlich von seinen ausländerfeindlichen Aussagen distanzieren wollte sich der 78-Jährige aber nicht, weshalb die Staatsanwaltschaft ihm vorwarf, dies seien „nur Lippenbekenntnisse“.

Zu seiner Biografie gab der 1935 im Borkener Ortsteil Arnsbach geborene Angeklagte an, seine Kindheit während der Nazi-Zeit sehr genossen zu haben, das es damals noch eine „Volksgemeinschaft“ gegeben habe. Der gelernte Einzelhandelskaufmann konnte jedoch beruflich wie privat nie fußfassen, wechselte mehrfach die Arbeitsstelle und Wohnort, bevor er in den siebziger Jahren nach eigenen Angaben wegen „psychischer und physischer Erschöpfungszustände“ arbeitsunfähig wurde und nach Nordhessen zurückkehrte.

Eine vom Gericht bestellte Gutachterin bescheinigte dem kauzig und verwahrlost wirkenden Mann, der sich unter anderem weigerte Wintermantel, Schal und Hut im Gericht abzulegen, eine verminderte Schuldfähigkeit aufgrund verschiedener psychischer Störungen.

In ihrer Urteilsbegründung zeigte sich die Richterin überzeugt, das Verfahren habe den Angeklagten „beeindruckt“, weshalb zu hoffen sei, dass er den „geistigen Dünnschiss“ in Zukunft für sich behalte. Ein Umdenken allerdings, darin waren sich schlussendlich alle Verfahrensbeteiligten einig, sei bei dem 78-jährigen Alt-Nazi, der bis zuletzt keinerlei Anzeichen von Reue zeigte, leider nicht zu erwarten.

 Quelle: http://lokalo24.de/news/bewaehrung-fuer-einen-unbelehrbaren/486703/

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Kategorien:Schwalm-Eder
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